Der Tag, als die Mauer fiel

Vor zwanzig Jahren fiel die Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten. Ich war damals gerade zwanzig Jahre alt und war in meinem dritten Semester. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, daß ich an diesem Donnerstag Abend in meinem Zimmer völlig entgeistert das heute-journal sah. Ich hatte zwar in den letzten Woche viele vorher unvorstellbare Nachrichten aus dem damaligen Ostblock – vor allem aus der DDR – gesehen. Aber daß die Grenzen so völlig sang- und klanglos aufgemacht wurden, keine Verhandlungen stattfanden, kein Geld floss, das überraschte wohl nicht nur mich extrem.

Ich war mehr als gerührt, als ich sah, wie die gerade in einer Debatte befindlichen Abgeordenten des Deutschen Bundestages sich auf einmal spontan erhoben und die Nationalhymne sangen. Ich glaube, ich habe vor Freude geweint.

Ich habe mich von Anfang an für die Menschen in der DDR gefreut, ich habe mich nie über irgendwelche Kosten aufgeregt. Im Nachhinein bedauere ich es ein wenig, daß ich damals nie den Mut und das Geld zusammenbekam, um einfach mal nach Berlin zu fahren und die einmalige Stimmung selber zu erleben. So saugte ich damals einfach alle Informationen auf, die ich so bekam.

Als es dann ein paar Monate später in geordneteren Bahnen lief, war ich in meinem vierten Semester. Ich hatte die Hoffnung, bei Prof. Weidenfeld die aktuellen Geschehnisse aufarbeiten zu können. Schließlich gab sich Weidenfeld als Kenner der deutsch-deutschen Beziehungen und es war mal wieder turnusmäßigen sein Seminar über die Geschichte der deutsch-deutschen Beziehungen an der Reihe. Zum Erstaunen aller Studenten weigerte er sich damals, die aktuellen Geschehnisse zu begleiten. Man müsse das dann in zwanzig oder dreissig Jahren mit dem gebührenden Abstand bewerten. Ich war fassungslos, schließlich hatten wir vor Augen, wie sich ein Staat auflöste. Glücklicherweise erbarmte sich ein Lehrbeauftragter unser. Wir konnten so einmal in der Woche immer Ereignisse besprechen, die gerade mal 14 Tage alt waren. Wir versuchten sie einzuordnen, Hintergrundinformationen zu bekommen.

Es war der einzige Moment, in dem mein Politikwissenschaftsstudium nicht nur interessant, sondern elektrisierend und spannend war.

Ein Gedanke, der mir in den letzten Wochen immer wieder durch den Kopf ging ist: Wie würde die friedliche Revolution in der DDR heute ablaufen? Das Internet hat enorm viel verändert, viel mehr, als wir uns oft einzugestehen erlauben. Wir würde der Mauerfall in Zeiten von Twitter, Youtube, Flickr aussehen? Am Anfang schrieb ich, ich war von der Nachricht des Mauerfalls überrascht, als ich das heute-journal sah. In Zeiten von E-Mail, SMS, Twitter wär ich heute sicherlich nicht mehr überrascht.

Als dann an den ersten Wochenenden nach dem Mauerfall die Ostdeutschen in die westdeutschen Grenzregionen einfielen und dort mal so richtig konsumierten, da kauften unheimlich viele einen Radiorekorder. In Kassel sah ich an einem Samstag viele Meschengruppen, die einen ganz bestimmten Radiorekorder gemein hatten. Kann sein, daß sie sich heute mit Handys eindecken würden.

Ich hatte keine Verwandten in der DDR. Mir konnte es also eigentlich egal sein, ob es dort eine Diktatur gab oder nicht. Es war mir nie egal. Deshalb war ich so gerührt und begeistert, als die Mauer fiel. Wie war das bei Euch? Wir habt ihr, meine Leser, dieses Ereignis erlebt? Wo wart ihr?

3 Responses to “Der Tag, als die Mauer fiel”

  1. […] Anstoß für diesen Blogbeitrag erhielt ich übrigens durch den lesenswerten Blogbeitrag “Der Tag, als die Mauer fiel” von Jens Grochtdreis. Danke […]

  2. […] Jens beschreibt wie sich ein Prof weigerte diese aktuelle Geschichte im Politikstudium anzusprechen und wie das so gar nicht zu seinem Informationsbedürfnis passte […]

  3. pawel sagt:

    Ich war noch nicht ganz 20 und wohnte (und wohne) in Halle an der Saale. Die Ereignisse vom 09.11. habe ich erst am 10.11. mitbekommen. Am 11.11. war ich dann in Berlin und habe irgendwo in Kreuzberg ein Bier getrunken. Statt des Radiorekorders sah ich dort viele mit ihrer neuen Nappalederjacke rumflitzen. Meine damalige Vorstellung war eher von zwei deutschen Staaten geprägt, natürlich mit einer wirklichen Demokratisiserung in der DDR.

    Ohne den Prozess im ehemaligen RGW hätte es möglich auch den technischen Prozess nicht so gegeben, wie wir ihn heute kennen. Es gab ja auch zwei Fernsehverfahren (PAL/ SECAM), vielleicht hätte es zwei Netze gegeben mit einer chinesischen Note.

    Ich denke, dass der Prof recht hatte, dass eine Bewertung erst mit einem gewissen Abstand möglich ist. Projekte zum Iststand (für spätere Auswertungen) wären natürlich nötig gewesen, da heute niemand mehr genau wirklich reproduzieren kann, welche Überzeugungen er genau gehabt hat.

    Das medial 20009 immer wieder die geleichen Promis vorgeführt werden, finde ich eher anstrengend.