Rezension: Rocky Beach

Die Drei Fragezeichen sind ein großes Phänomen: ab 1964 wurden in den USA die ersten Geschichten veröffentlicht, ab 1979 die ersten Hörspielversionen dann in Deutschland. Und während die Serie schon sehr lange nicht mehr im Ursprungsland USA existiert, hat sie dank des deutschen Verlags und der deutschen Hörspiele bis heute überlebt.

Die Drei Fragezeichen – Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews – leiden unter dem gleichen Phänomen wie so ziemlich alle Comicfiguren, seien es Asterix, die Schlümpfe oder Batman: sie altern nicht. In den Geschichten ist es immer Sommer, meist sind sogar Sommerferien. Und über die ganzen Jahrzehnte sind die drei Jungs einmal gealtert, weil der US-Verlag den Dreien ein eigenes Auto und Freundinnen für interessantere Geschichten spendieren wollte. Es brachte nichts, die Serie wurde dort trotzdem eingestellt.

Nun sind die drei Freunde also seit ca. 40 Jahren schon etwa 16 Jahre alt. Es ist also nicht ungewöhnlich, dass sich Fans fragen: was wird aus Justus, Peter und Bob nach der Schule? Was wird aus unseren Protagonisten, wenn sie 40 sind?

Christopher Tauber hat aus diesem Gedankenspiel eine Geschichte gemacht, die von Hanna Wenzel gezeichnet wurde. Herausgekommen ist die Graphic Novel „Rocky Beach„, die in diesen Tagen erschienen ist. Graphic Novel ist einfach ein wohlklingender, hochstechender Begriff für „Comic“, damit man das Werk auch an Comic-Verweigerer in den Feuilletons und Buchhandlungen besser vermitteln kann.

Wenzels Stil trifft genau meinen Geschmack. Die Erzählweise erinnert ein wenig an „Jackie Kottwitz“, weil sie sich an der filmischen Erzählung orientiert. Viele Panels kommen ohne jeglichen Text aus. Sie sind einfach unterschiedliche Einstellungen bzw. dokumentieren die Veränderung einer Szene. Die Menschen sind nicht per se schön, sie haben meist Ecken und Kanten. Die Texte sind auf den Punkt gebracht. Es wird nicht zuviel geschwätzt. Im Gegenteil: ein wichtiger Teil der Geschichte wird nur in textfreien Panels vermittelt und erschliesst sich mir leider nicht in Gänze (die Rückblende auf einen Fall der Drei Fragezeichen).

Ich besitze die anderen drei Comics von Tauber zu den Drei Fragezeichen und war mir sicher, dass ich auch jetzt wieder eine tolle Geschichte in den Händen halte. Wohl wissend, dass die Story eine schwierige Gratwanderung vollführen muss. Denn jeder Fan wird sich die Zukunft der Drei Fragezeichen anders ausmalen oder andere Hoffnungen in die Geschichte setzen. Meine erste Überraschung war der Umfang des Bandes. Fast 200 Seiten in einem Hardcover-Einband machen Eindruck.

Wäre die Geschichte eine x-beliebige Krimigeschichte, wäre ich begeistert. Die Geschichte hat Tiefe, Spannung, interessante Orte, tolle Zeichnungen. Ich sehe auch gerne über ein paar wenige Schwächen hinweg. Aber als Weiterführung der Drei Fragezeichen war ich am Ende enttäuscht. Ich hatte mich so sehr auf die Story gefreut und war nachts um kurz vor ein Uhr dann doch ein wenig enttäuscht über das Ergebnis. Ich versuche, die Enttäuschung zu erklären:

Die drei ehemaligen Junior-Detektive treffen sich mehr oder minder aus Zufall nach 20 Jahren wieder in Rocky Beach. Peter ist mittlerweile Versicherungsdetektiv und hat einen Fall in seiner alten Heimat. Bob ist ein erfolgreicher Drehbuchautor in Hollywood, kann den Tag aber nur mit Alkohol, Zynismus und viel Sex überleben. Er findet seine Arbeit mies, kann aber sein Herzensprojekt (eine Serie über die Drei Fragezeichen) nicht realisieren. Justus erscheint erst spät im Buch und ist ein tablettensüchtiger, vollbärtiger, übergewichtiger Buchhändler. Er besticht weniger durch seine klugen Sprüche oder Geistesblitze als durch seine üble Laune und Menschenfeindlichkeit.

Übrigens kommt auch Skinny Norris in der Geschichte vor. Eigentlich ist er der große Bösewicht. Aber leider wird die Chance verpasst, dies ausreichend zu würdigen. Er hat leider auch keine Konsequenzen zu fürchten, denn im Gegensatz zu den Büchern und Hörspielen gibt es bei dieser Geschichte kein Happy End. Das macht die Geschichte zwar realistischer, aber um Realismus geht es bei den Drei Fragezeichen doch eher weniger.

Onkel Titus lebt in einem Altersheim, Tante Mathilda scheint tot zu sein. Der Schrottplatz (Gebrauchtwarencenter!!!) ist mittlerweile verkauft, die Zentrale ist aber noch immer im alten Zustand, obgleich ohne Blacky.

Es wird nicht klar, warum die drei Freunde sich nach der Schule so schnell aus den Augen verloren haben. Es wird nicht klar, warum Justus den beiden Anderen so feindselig gegenüber steht. Warum ist aus ihm nicht ein brillanter Wissenschaftler oder zumindest ein Lehrer geworden?

Man merkt an sehr vielen Details in dieser Geschichte, dass der Autor ein Fan ist. Es gibt sehr viele Referenzen an den immer weiter wachsenden Kanon. Es hat den Anschein, als wollte der Autor unbedingt seine Helden dekonstruieren. Wir können froh sein, dass er nicht alle drei als obdachlose Junkies imaginiert hat. Aber viel fehlte nicht. Es ist mir nicht ersichtlich, warum die drei Freunde dieses Schicksal erleiden mussten. Es wird aus dem Comic nicht ersichtlich. Wo sind die Eltern von Peter und Bob? Warum sind sie über 20 Jahre nicht mehr in Rocky Beach gewesen? Warum haben sie nie miteinander telefoniert? Sie waren schliesslich wie Brüder.

Das Comic liefert keine schlüssige Begründung. Deshalb ist es am Ende in der Gesamtsicht eine Enttäuschung für mir. Solltest Du keine emotionale Beziehung zu den Drei Fragezeichen haben und nach einem interessanten Krimi mit tollen Zeichnungen suchen, dann ist dieses Buch definitiv für Dich. Als Fan solltest Du das Buch auch kaufen. Denn erstens kannst Du komplett andere Schlüsse ziehen. Und zweitens besteht die Hoffnung, dass wir bald wieder ein „normales“ Drei Fragezeichen-Comic von Christopher Tauber bekommen, wenn „Rocky Beach“ kein wirtschaftlicher Reinfall wird.

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