Nicht die Realität ausblenden

Ich bin immer wieder erstaunt über die Ignoranz mancher Kollegen, wenn sie Artikel oder Tools verfassen. Ich billige jedem eine Begeisterung für moderne Techniken zu. Ein klarer Blick auf Realität unserer Profession würde aber bei manchem Artikel oder Tool helfen.

Mittlerweile gibt es Artikel, die jQuery als obsolet suggerieren, nicht mehr im Monatsrhythmus. Aber es gibt diese Artikel noch. Der letzte dieser Art, der mir über den Weg lief, wurde bei CSS-Tricks veröffentlicht: „(Now More Than Ever) You Might Not Need jQuery„.

Auch in diesem Artikel werden die typischen, einfachen Beispiele von jQuery und die moderne JavaScript-Entsprechung gegenüber gestellt. Dabei fällt schon mal als Erstes auf, dass jQuery-Code knapper und eleganter ist. Doch der Knaller kommt schon recht früh im Artikel, nachdem der Autor uns (fast) davon überzeugt hat, dass wir zukünftig alles ohne jQuery schaffen: weder IE, noch Edge, noch eine mobile Opera-Variante können etwas mit diesen modernen JavaScript-APIs anfangen. Daraufhin empfiehlt der Autor diverse Polyfills (Mehrzahl!). Er ignoriert, dass jQuery auch eine Art Polyfill ist. Und noch viel mehr: es ist eine große Sammlung von Bugfixes, auf die der Autor erst gar nicht schaut.

Und das typische, dahingeschluderte „wenn der IE dann endlich gestorben ist“ kann bei Entwicklern, die im Enterprise-Umfeld arbeiten, nur großes Kopfschütteln auslösen. Bei großen Firmen können wir froh sein, wenn sie mittlerweile auf Windows 7 aktualisiert haben. Die Lebensdauer des IE wird dort sicherlich noch sehr lange sein.

Ganz frisch ist mir eine CSS-Sammlung unter die Augen gekommen, die sich nicht als Framework sieht, eher als Toolset. Shoelace wirbt damit, dass man keinen Präprozessor benötigt. Stattdessen baut das Toolset auf CSS-Variables. Eine nette Idee und ich kann den CSS-Variablen mittlerweile auch ein wenig abgewinnen. Aber für den breitflächigen Einsatz sind sie definitiv nicht geeignet. Ein Blick in CanIUse zeigt, dass kein IE und die älteren Safari damit nichts anfangen können. Auf Shoelace basierende Webseiten müssten eine Deklaration von Mindestanforderungen haben, wie sie bei Spielen üblich ist.

Auch bei Shoelace steht wieder, „if you care about IE …“. Die Entwickler verstehen unseren Job falsch. Wir müssen uns nicht für den IE interessieren. Wir sollten uns aber sehr wohl für unsere Nutzer interessieren, egal welchen Browser sie verwenden. Es ist kein Problem, Techniken zu benutzen, die nicht in jedem Browser verstanden werden, solange es ein gutes Fallback gibt oder die Nichtunterstützung anderweitig nicht negativ auffällt. Bei CSS-Variablen werden aber grundlegende Bestandteile des CSS nicht verstanden, wenn der Browser sie nicht interpretieren kann. Es wird dann ein halb kaputtes CSS ausgeliefert.

So etwas verstehe ich nicht unter professioneller Arbeit. Andere Entwickler machen sich intensive Gedanken über Accessibility, darüber wie eine Seite für möglichst viele Nutzer nutzbar wird. Und die beiden hier angesprochenen Kollegen zeigen allen IE-Nutzern einfach locker den Stinkefinger. Im ersten Fall sollten wir Polyfills nutzen, im zweiten Fall wird zur Nutzung von Myth geraten, einer Art Präprozessor. Dabei war doch die wichtige Eigenschaft bei Shoelace, dass man für die Allerwelts-Elemente keinen Präprozessor benötigen würde, dank der CSS-Variablen.

Es hilft nichts, die Realität auszublenden. Der IE wird nicht so schnell verschwinden. Wenn Chrome und Firefox (seltener Safari) neue Techniken implementiert haben, ist das toll. Edge wird den beiden dabei auch immer auf den Fersen bleiben. Aber in den meisten Großunternehmen und Behörden wird der IE noch lange genutzt werden. Den dürfen wir nicht ignorieren. So sehr es auch schmerzt.

2 Responses to “Nicht die Realität ausblenden”

  1. mike sagt:

    > dass wir zukünftig alles ohne jQuery schaffen: weder IE, noch Edge,

    huh, wo ist bei Edge das Problem? IE keine Frage, ist ja schließlich nicht mehr in aktiver Entwicklung aber Edge hat fast alle APIs, die andere moderne Browser auch haben, ES6 Support ist IMHO auch führend.

  2. Es wundert mich ja auch. Aber in dem ersten verlinkten Artikel steht am Anfang eine CanIUse-Tabelle, in der gezeigt wird, dass Edge keine der besprochenen Methoden beherrscht. Ich hoffe mal, dass sich das bald ändert. Es ändert aber an der Sachlage nichts. Denn in Großkonzernen und Behörden wird der IE genutzt, kein Edge. Leider.

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