Adblocker sparen pures Geld

Während meiner Vorbereitungen für meinen Webinale-Vortrag über Tools für Frontend-Entwickler stiess ich wieder auf das Online-Tool „What does my site cost?„. Zu Demozwecken testete ich die allseits beliebte Seite „Spiegel Online“ und war verblüfft. Das Tool zeigte mir ein Seitengewicht von über 9 MB an! In Deutschland würde die Startseite demnach etwa 66 Cent (72 US-Cent) kosten.

Mir kam die Seitengröße extrem vor und machte Tests in zwei Browsern. In Firefox habe ich keinen Adblocker installiert, in Chrome sehr wohl. In beiden rief ich nacheinander die Desktopversion und die separate mobile Version auf (und leerte den Cache immer). Ja, Spiegel Online hat im Jahr 2017 eine separate mobile Version, denn es handelt sich schliesslich um eine deutsche Newsseite, da gibt es keine responsive Version. Das wäre zu modern (Neuland!).

Ohne Adblocker lud die Startseite initial 5,5 MB mit 278 Anfragen. Je länger die Seite offen war, umso mehr Anfragen kamen herein und das übertragene Volumen stieg. In Chrome mit aktiviertem Adblocker wurden „nur“ 1,5 MB mittels 137 Anfragen übertragen. 4 MB Übertragungsvolumen nur für Werbung ist schon eine irre Quote. Mit Werbung sieht man auch bei 1280×600 Pixeln nur andeutungsweise, dass die Webseite nicht nur von Werbung handelt:

Spiegel Online mit Werbung

Screenshot von Spiegel Online mit Werbung. Selbst bei dieser Auflösung sieht man die Headline nur andeutungsweise.

Screenshot von Spiegel Online ohne Werbung

Screenshot von Spiegel Online ohne Werbung. Endlich bekommt man etwas vom Inhalt der Seite zu sehen und nicht nur Werbung.

Spannend fand ich besonders das Ergebnis bei der mobilen Webseite. Meine Erwartung – und sicherlich die aller Nutzer – ist, dass die mobile Seite „leichter“ ist. Schliesslich müssen die Bilder nicht so gross sein und große Werbebanner sind auch nicht zu erwarten.

Im Firefox war die Seite mit 3,5 MB (124 Anfragen) immerhin 2 MB leichter. Trotzdem ist das immernoch recht viel. Den Vogel schiesst Spiegel Online aber ab, wenn der Client mach Webkit riecht: trotz Adblocker wurden im Chrome (der sich als iPhone ausgab) reichliche 8,7 MB mit nur 88 Anfragen übertragen. Dabei wurden drei Videos übertragen, die zusammen schon etwa 7 MB ausmachen. Firefox, als mobiler Firefox getarnt, forderte diese Videos gar nicht an. Interessanterweise ziert in Firefox ein „Installier unsere App“-Banner die Startseite, im Fake-iPhone unter Chrome nicht. Vielleicht blockt der Adblocker auch diese nervigen Hinweise.

Die mobile Version von Spiegel Online ohne störende Werbung.

Ohne Werbung und App-Nötigung bekommt man einfach mehr vom Inhalt mit. Deshalb geht man ja auf diese Seite.

Die mobile Version von Spiegel Online mit Werbung und App-Download-Aufforderung.

Mit Werbung und App-Nötigungsbanner zeigt die mobile Version immerhin mehr Inhalt, als die Desktopversion.

Fazit

Die oben aufgeführten kleinen Tests sind Momentaufnahmen und keine tiefgehenden Analysen. Das war nicht mein Ziel. Aber sie sind aussagekräftig genug, um die Auswirkung von Online-Werbung und insgesamt „schwerer“ Webseiten zu demonstrieren. Es ist mir klar, dass Werbung wichtig für die Finanzierung vieler Angebote im Internet ist. Doch die aktuellen Formen sollen einen Fehler beseitigen, den die Anbieter vor vielen Jahren, in der Goldgräberstimmung der Anfangszeit des Internet gemacht haben: sie haben alles kostenlos rausgegeben. Die oft beschimpfte „Kostenloskultur des Internets“ ist ja nicht uns Nutzern eingefallen. Sie stammt von den Anbietern.

Und diese Anbieter bewerfen uns nun mit Werbung, unendlich viel Werbung und erlauben Werbenetzwerken, die Nutzer dieser Seiten zu tracken und durchs Internet zu verfolgen. Für jeden Seitenaufruf einer Seite wie Spiegel Online zahlen wir Nutzer Geld, obwohl wir meist auf keine dieser Werbebanner klicken. Wir zahlen über den Umweg des mobilen Übertragungsvolumens, das Dank ungefragt übertragener Videos und uninteressanter – aber störender Werbung – schneller als notwendig verbraucht ist. Zumindest auf mobilen Endgeräten – im Falle einer Nutzung ausserhalb eines WLAN – scheint die Nutzung eines Adblockers nichts anderes als Notwehr zu sein. Wir haben sicher noch einen langen Weg vor uns.

4 Responses to “Adblocker sparen pures Geld”

  1. Cordobo sagt:

    Für Nutzer von iOS-Geräten gibt es von Mozilla die App „Focus“ (in DE: „Firefox Klar“), die sich nahtlos in Mobile Safari als Content-Blocker einfügt – und neben Werbung und Trackern auch Webfonts blockieren kann. Das klappt ausgesprochen gut und die aufgerufenen Seiten laden spürbar schneller.

    Den in Klar integrierten Browser habe ich bisher nicht getestet.

    • So weit mir bekannt ist, erlaubt Apple auf seinen Geräten keine andere Browserengine. Deshalb wird das die iOS-Webview sein. Wenn ich mich recht entsinne, ist die nicht hundertprozentig identisch mit dem mobilen Safari (dann natürlich ohne Oberfläche). Aber im Großen und Ganzen ist es einfach ein Safari ohne Browser-Chrome.

      • Cordobo sagt:

        So war es bis ende letzten Jahres, zwei Engines, die eine gepflegt für Safari, die andere nicht, auf die baute Mobile Chrome auf 🙂
        Die Trennung ist aber seit kurzem aufgehoben, siehe:
        https://developer.apple.com/reference/webkit/wkwebview

        Ich wollte mehr auf den Content-Blocker hinaus, um beim Thema zu bleiben 🙂 Firefox Klar als Browser habe ich mir kurz angeschaut und wieder geschlossen, war damals von der UX (nicht von der Performance) deutlich umständlicher zu benutzen als etwa Mobile Safari/Mobile Chrome.

  2. Das unterschreibe ich von der ersten bis zur letzten Zeile.